Tradition und Kult

 

Was uns heutzutage in Bayern und Österreich als eine alte Tradition der Volkstracht erscheint, hat eine relativ junge Geschichte. Zwar wurde Leder als Material für Hosen seit Jahrhunderten verarbeitet, doch hatten diese wenig Ähnlichkeit mit den heutigen Lederhosen.

Vorläufer ist die Culotte des 17. Jahrhunderts, eine aus Samt, Seide oder Leder für den Adel gefertigte knielange Hose. Diese war enganliegend und endete knapp unter dem Knie, die Hosenbeine hatten kleine, mit Knöpfen verschlossene Schlitze um leichter einzusteigen. Vorne wurde sie entweder mit einem Hosenschlitz mit Knöpfen geschlossen oder mit einem Latz von Hüfte zu Hüfte, der am Bund fest geknüpft wurde. Am Hof Ludwig des XVI trugen die Offiziere der französischen Kavallerie solche Hosen aus weißem Leder, daran erinnern uns heute noch die Uniformen der Reiter der Spanischen Hofreitschule in Wien. Die Französische Revolution bringt das Ende der Adelsvorherrschaft, aber auch das Ende der Culotte für die städtische Bevölkerung. Die Pariser proletarischen Revolutionäre, kleine Handwerker, Arbeiter, Händler tragen lange Hosen und erhalten daher bald den Beinamen „Sans(ohne) culottes“. Die ländliche Bevölkerung arbeitet weiterhin in Kniebundhosen, meist aus Leder von Schafen oder Ziegen vom eigenen Hof, denn die Jagd auf Hirsch und Reh war dem Adel vorbehalten. Im 19. Jahrhundert setzt sich der widerstandsfähige, wetterfeste Loden als Hosenmaterial durch, ebenso die langen Hosenbeine und Ende des Jahrhunderts waren Lederhosen so gut wie verschwunden.

 

BRAUCHTUM

Während des Zeitalters der Romantik und der damit verbundenen Rückbesinnung auf alte Werte entstehen immer mehr Vereine, die sich für die Erhaltung des Brauchtums und der Trachten einsetzen. An den königlich- kaiserlichen Höfen in Wien und München herrschte bald ein wahrer Trachten-Hype. Zur „Hebung des Nationalgefühls, insbesondere der Landestrachten“ erlässt der Bayerische König Maximilian am 1. Juni 1853 eine Verordnung und zeigt sich bei der Jagd volkstümlich mit graugrüner Jacke und Lederhose. Auch der österreichische Erzherzog Johann, Modernisierer von Industrie, Landwirtschaft, Förderer von Wissenschaft, Kunst und Kultur, setzt sich für die Erhaltung von Brauchtum und Tracht ein. Seine Volksverbundenheit und Liebe zu seiner steierischen Wahlheimat zeigt er öffentlich indem er sich in der Landestracht kleidet, dem mit grünen Aufschlägen besetzten grauen Lodenrock der steierischen Jäger, dem Vorläufer des Steirer- Anzuges.

 

Kaiser Franz Joseph I. und andere Supermodels

 

KRACHLEDERNE

Das Erscheinungsbild der heutigen „Krachledernen“ verdanken wir dem bayerischen Lehrer Josef Vogl, der zusammen mit Freunden 1883 den ersten Gebirgstrachten-Erhaltungsverein in Bayrischzell gründete. Nach ihren Entwürfen wird eine Neuauflage der, wie sie glauben „uralten“ Tracht in Auftrag gegeben. Angefertigt von einem „Säckler“, einem Handwerker für die Herstellung von Lederbekleidung, findet das Kleidungsstück jedoch vorerst keinen Anklang bei der Bevölkerung. Man verspottet die Träger, die Kirche verbietet ihnen sogar die Teilnahme an Prozessionen. Vogl wendet sich an den bayerischen König, den kunstsinnigen Ludwig II. Dieser weist alle Bezirksämter an, Vereine zur Erhaltung der Tracht zu gründen.

 

UNVERWÜSTLICH

Nach dem ersten Weltkrieg beginnt mit dem Alpentourismus der Siegeszug der Trachtenlederhose, sie ist die Freizeithose der städtischen Sommergäste. Während der Zeit der Nationalsozialisten wird sie als deutsche „geerbte Vätertracht“ hochstilisiert. Nach dem Krieg zählt sie noch lange zur beliebtesten Kinderbekleidung, bis die Jeans sie ersetzt. Jahrzehntelang sah man sie dann nur mehr bei Trachten-, Jagd- und Musikvereinen und auf der Münchner Wies’n. Angefertigt wird eine hochwertige Lederhose aus dem unverwüstlichen sämisch gegerbten Hirschleder. Sie wird je nach Region mit weißen, gelben oder grünen handgefertigten Stickereien, der sogenannten „Ausziehr“ bestickt, wobei das Muster sich reliefartig abhebt. S-Laub, das ist eine S-förmige Stikkerei um das „Leistl“, dem länglichen Lederstreifen an den Außenseiten des Hosentürls, findet sich nur bei sehr aufwendig gearbeiteten Lederhosen. Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die Säckler-Naht, bei welcher die Lederkanten außen sichtbar zusammen genäht werden und ein heller Lederstreifen zwischen die Lederkanten gelegt wird.

 

ERBSTÜCKE

Wie die Entwicklung über die Jahre beweist, wird eine Lederhose nicht unmodern. Lederhosen sollen, nein sie müssen Patina haben. Begehrt sind langgetragene Erbstücke, Hosen, die so steif sind, dass sie von alleine „stehen können“. Und erst wenn die matte Oberfläche durch das Tragen speckig wird, dann erst verdient die Hose den Namen „Krachlederne“. Mit etwas Kernseife und einer Handbürste kann man unliebsame Flecken entfernen, gutes Lüften hilft bei schlechtem Geruch, in eine chemische Reinigung darf so ein gutes Stück niemals. In den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts beginnt die Wiederbelebung der ledernen Trachtenkleidung. Hirsch- und das weichere Rehleder, bestickt in alter Tradition, wird zu Kostümen und Anzügen verarbeitet. In den letzten Jahren wird das unverwüstliche Leder auch für modische Modelle verwendet. Zum Kultobjekt der jungen Generation wurde die klassische Lederhose seit ein paar Jahren. Sie kombinieren Traditionelles frech mit Modernem, denn sie haben entdeckt, dass, so wie ein Dirndl jeder Frau steht, auch der müdeste Bürohengst in einer urigen Ledernen zu einem sexy „Feschak“ wird.

 

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